IRDLK

IRDLK als Forschungszentrum

Das Forschungsprofil des IRDLK weist drei Kernbereiche auf, in denen sich gleichsam sein Gründungsauftrag spiegelt:

1.    Theorie und Methodologie einer international agierenden germanistischen Literaturwissenschaft.
2.    Bilateraler Theorie- und Methodentransfer.
3.    Deutsch-russische Transferforschung.


 

1.    Theorie und Methodologie einer international agierenden germanistischen Literaturwissenschaft:

Theoretisch fundierte Vorschläge, wie die Germanistiken weltweit arbeitsteilig und paritätisch zusammenarbeiten können, gehören zu den dringenden Forderungen des DAAD. Anlässlich der Gründung des Thomas Mann-Lehrstuhls haben wir für den deutsch-russischen Bereich eine große Bestandsaufnahme vorgenommen und in dem Band

Kemper, Dirk; Bäcker, Iris (Hg.): Deutsch-russische Germanistik. Ergebnisse, Perspektiven und Desiderate der Zusammenarbeit. Moskau 2008 (= Thomas Mann-Lehrstuhl an der RGGU Moskau; Institut für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen. Schriftenreihe, 1). VII, 386 S.

dokumentiert.

Daraus entwickelte sich ein Forschungsschwerpunkt zur wissenschaftstheoretischen und methodologischen Basis einer solchen Kooperation, dessen Ergebnisse wir 2011 in dem Band

Dirk Kemper, Aleksej Žerebin, Iris Bäcker (Hg.): Eigen- und fremdkulturelle Literaturwissenschaft. München. Wilhelm Fink 2011 (= Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau, 3). 384 S.

vorlegen konnten. Im Kern wird das Konzept eigen- und fremdkultureller Wissenschaftsvarianten und ihrer synergetischen Kooperation expliziert.

Im Unterschied zum Konzept der Hybridisierung von Kulturen betont die Methode der fremdkulturellen Literaturwissenschaft gerade die kulturelle (nicht nationale) Differenz als den eigentlich produktiven Faktor eines Verfahrens, in dem Texte mit Verstehenshorizonten aus fremden Kulturen in Berührung gebracht werden.

Als Diskursbegründer fremdkultureller Literaturwissenschaft wird Goethe mit seinen Überlegungen zur weltliterarischen Kommunikation in Anspruch genommen.

Im Band zeugen unter anderem zwei Parallelanalysen eigen- und fremdkultureller Zugänge zu denselben Texten vom produktiven Miteinander von sogenannten Inlands- und Auslandsgermanistiken in paritätischer Kooperation. Fremdkulturelle Fallstudien zeigen, wie die Internationalität philologischen Arbeitens auf unterschiedlichen Ebene funktioniert: auf der der wissenschaftlichen Terminologie und Beschreibungssprache, durch fremdkulturellen Theorierahmen, als erkenntnisfördernder, gleichsam entautomatisierender Perspektivenwechsel oder als Entregionalisierung. Kritische Stimmen zum Verfahren sind ebenso in den Band integriert wie Beispiele für die Anschlussfähigkeit des Verfahrens für andere Philologien und Nachbardisziplinen.

 

2.    Bilateraler Theorie- und Methodentransfer:

Aus dem Forschungsprogramm des IRDLK sollen sich Impulse ergeben, die die westlichen und östlichen Philologien dort in einen Dialog bringen, wo dies noch nicht oder nicht ausreichend der Fall ist. Erstaunlicherweise gilt dies für die ansonsten hervorragend vernetzte Barockforschung, die Russisches nur am Rande aufnimmt. Gründe dafür lagen lange in der auf sowjetischer Seite ideologisch geführten Diskussion um die Frage, ob es überhaupt eine russische Barockliteratur gab. Ferner wirken sich bis heute die weitgehend unterschiedlichen Verwendungsweisen des Begriffs ‚Barock’ aus, der in Russland vorwiegend als Stilbegriff mit weiten Anwendungsmöglichkeiten bis in das 20. Jahrhundert gebraucht wird.
Eine entsprechende Jahrestagung thematisierte daher zunächst breit die unterschiedliche Begriffs- und Forschungsgeschichte, dann die Frage, welche Rolle deutschsprachige Literatur im slavischen (hier: russischen) Barock spielte. Die Ergebnisse liegen seit 2012 vor:

Dirk Kemper, Ekaterina Dmitrieva, Jurij Lileev (Hg.): Deutschsprachige Literatur im westeuropäischen und slavischen Barock. München: Wilhelm Fink 2012 (= Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau, 7).  

Hatte das »verspätete« Russland überhaupt Anteil an der westeuropäischen Barockformation? Sind die Barockbegriffe der westeuropäischen und slavischen Forschung kompatibel? Welche Bedeutung kommt der Rezeption deutschsprachiger Literatur in der russischen Barockforschung zu?

Antworten geben die Forschungsgeschichte sowie Studien zum russischen Barock-Begriff. Unterschiedliche Zugänge zum Problemgehalt gewähren die Perspektiven der Bibliotheksgeschichte, der Gattungsgeschichte der frühen Reiseliteratur, der Epistemologie des 17. Jahrhunderts und der der Emblemliteratur sowie Beiträge zum Musiksystem des 17. Jahrhunderts. Einzelstudien untersuchen die russische Rezeption von Simon Dach, Friedrich von Logau, Jakob Böhme und Paul Flemming.

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Enger im Bereich des Theorie- und Methodentransfers liegt das Projekt der Vermittlung der Russischen Schule der Historischen Poetik an die deutschsprachigen Philologien.

Anders als die Theoriekonzepte Michail Bachtins und Jurij Lotmans hat die russische Literaturtheorie der Historischen Poetik bislang kaum Resonanz in Westeuropa gefunden. Doch was die Gründungsväter Aleksandr Veselovskij (1838–1906) und Victor Žirmunskij (1891–1971) wie ihre Nachfolger als ›Historische Poetik‹ konzipierten, nimmt auch heute noch einen bedeutenden Stellenwert innerhalb der russischen Literaturwissenschaft ein. Entstanden in einer Phase extrem breiter Vernetzung der europäischen Literaturwissenschaften blieb und bleibt die Historische Poetik auch international anschlussfähig.
Die Ergebnisse der zugrunde liegenden Jahrestagung des IRDLK sind im Herbstprogramm des Wilhelm Fink-Verlags unter dem Titel

Kemper, Dirk; Tjupa, Valerij; Taškenov, Sergej (Hg.): Die russische Schule der historischen Poetik. München: Wilhelm Fink 2013 (= Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau, 4)

angekündigt und werden Anfang 2013 erscheinen.

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Zu den Forschungszielen des IRDLK gehört ferner auch, die Spezifik und Leistungsfähigkeit der russischen Germanistik in den deutschsprachigen Raum zu vermitteln. Traditionell verfährt die russische Germanistik zum Beispiel anders als die deutsche, indem sie ihren Gegenstandsbereich in eine „deutsche“, „österreichische“ und „schweizerische“ Literatur aufspaltet. Das ist zum Teil wissenschaftsgeschichtlich begründet, zum Teil aber auch Ergebnis einer Förderpolitik der drei Länder in produktiver Konkurrenz.

Daraus ergeben sich in Russland besondere Voraussetzungen für eine Komparatistik des deutschsprachigen Raums, die in der bundesdeutschen Germanistik nur ganz schwach beheimatet ist. Am IRDLK wurde der methodische Schwerpunkt einer Komparatistik des deutschsprachigen Raums vor allem durch das Habilitationsprojekt von Frau Dr. Natalia Bakshi intensiviert. Als Expertin für Germanistik, Austriazistik und Helvetistik legt sie noch in diesem Jahr (2012) ihre Habilitation in russischer Sprache vor:

Grenzüberschreitungen. Literatur und Theologie in der Nachkriegszeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz (1945-1955). Moskau: Stimmen der slavischen Kultur, 2013.

Преодоление границ. Литература и теология в послевоенный период в Германии, Австрии и Швейцарии (1945-1955). Москва: Языки славянской культуры, 2013. 

Das Habilitationsverfahren ist für das Frühjahr 2013 geplant.

Zur Unterstützung dieses Projekts verantwortete Frau Bakshi ebenfalls eine Jahrestagung des IRDLK, deren Ergebnisse um die Jahreswende 2012/2013 im Wilhelm Fink Verlag erscheinen:

Bakshi, Natalia; Kemper, Dirk; Bäcker, Iris (Hg.): Religiöse Problematiken in der deutschsprachigen Literatur Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in der ersten Nachkriegsdekade (1945-55). München 2013 (=Schriftenreihe des Instituts für russisch-deutsche Literatur- und Kulturbeziehungen an der RGGU Moskau, 6).

Der für das IRDLK spezifische Forschungsschwerpunkt der Komparatistik des deutschsprachigen Raums bildet einen Kristallisationspunkt für Kooperationen mit der österreichischen Seite. Herr Dr. Sergej Taškenov verantwortete federführend eine Jahreskonferenz zum Thema „Visionen der Zukunft in der deutschen, österreichischen und russischen Kultur um 1900“, die gemeinsam mit dem Österreichischen Kulturforum und der russischen Zeitschrift „Fragen der Philosophie“ durchgeführt wurde. Die Ergebnisse erscheinen in der IRDLK-Reihe bei Fink im Herbst 2013.

 

3.    Deutsch-russische Transferforschung:

Seit Aufnahme des bilateralen Doppeldiplomstudiengang (MA) „Literaturwissenschaft international: deutsch-russische Transfers“ im Jahre 2008, der gemeinsam mit unseren Partnern an der Universität Freiburg durchgeführt wird, bildet Transferforschung einen weiteren Schwerpunkt des Forschungsprogramms am IRDLK.
Nach intensiver Vorbereitung haben beide Partner – federführend in Freiburg Frau Prof. Prof.h.c. Dr. Elisabeth Cheauré  – ein Konzept für ein Internationales Graduiertenkolleg zum Thema


Kulturtransfer und „kulturelle Identität“.
Deutsch-russische Kontakte im europäischen Kontext


ausgearbeitet und im Sommer 2012 bei der DFG beantragt. Die Antragsskizze wurde inzwischen von der DFG mit der Empfehlung, einen Hauptantrag zu stellen, angenommen.

Die zentrale Forschungsidee des geplanten IGKs „Kulturtransfer und ‚kulturelle Identität’ – Deutsch-russische Kontakte im europäischen Kontext“ zielt darauf ab, die lange Tradition nationaler, bilateraler und internationaler Forschung zu Kulturkontakten im deutsch-russischen/russisch-deutschen Bereich in ein innovatives Konzept interdisziplinärer und internationaler Kulturtransferforschung zu überführen und einen neuen methodischen Leitdiskurs zu etablieren. Mit diesem wird eine produktive Synthese westeuropäischer und russischer Theoriekonzepte angestrebt, wobei die Metapher des „Palimpsestes“ mit weit reichenden methodologischen Implikationen fruchtbar gemacht werden soll. Das Forschungsvorhaben setzt auf drei Schwerpunkte: (1) die Etablierung eines theoretisch-methodisch innovativ organisierten Kommunikationsraums zwischen Deutschland und Russland, innerhalb dessen (2) deutsch-russische Kulturkontakte und Prozesse des Kulturtransfers vor allem mit Blick auf kulturelle Identitätskonstruktionen und deren Wirkungen auf nationale Identitätsbildungsprozesse erforscht werden sollen, wobei (3) der europäische Kontext konsequent und programmatisch einbezogen wird. Im Fokus steht der Zeitraum von ca. 1700 bis zur Gegenwart. Der zu erwartende Mehrwert durch die Internationalisierung liegt – auch im Sinne von Alleinstellungsmerkmalen – vor allem im von den beteiligten Wissenschaftlern erarbeiteten Konzept von „eigen- und fremdkulturellen Wissenschaftsvarianten“, über die konkrete Formen der internationalen Kooperation wissenschaftstheoretisch begründet und ständig reflektiert werden.

 



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